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Neujahrsgruß


„Mein Freund, die Vergangenheit ist uns ein Buch mit sieben Siegeln“, so schrieb Goethe in seinem Faust. Eine Metasynthese aus dem ewigen Widerstreit jener, denen die Vergangenheit nichts ist als „ein Eimer voll Asche“ gilt (C. Sandberg) und denen, die in der Kenntnis der Vergangenheit Spross und Spruch der Zukunft sahen und natürlich eine jener Art, wie sie typisch für den Genius Goethes ist, dem Fluss seines Ouvre entnommen, für sich allein von aphoristischer Natur.
Und während die Welt sich weiterdreht, so fährt sie unbeirrt fort, in allen ihren Sphären ebenjene rätselhaften Siegel zu weben und zu wirken.
Wer genau hinhört, der kann den Sphärenklang hören, den noch in Luft liegenden Geruch des eben Gewesenen einatmen, den Einband des siebengesiegelten Buches lesen.
Unsere Sinne sind es, so sieht man, die uns auf den Weg schicken, die Vergangenheit zu verstehen, vielleicht sind sie des ersten Siegel Schlüssel. Die Kohärenz unserer Sinne gebiert das Erleben, das für sich kein freies Gut ist, denn es trägt das Herrschaftssiegel unserer Erkenntnis – wenn man Kant glaubt – und wird uns möglicherweise weniger Aufschluss über den Tanz der Welt, sondern mehr über uns selbst liefern. Doch sei’s drum, wir haben diesen Tanz schließlich mitgetanzt.

Ich will also über meine Erlebnisse im vergangenen Jahr reden, auch um diese Schrift wieder meine Persönlichkeit einzuhauchen, wie sie vom Leser unzweifelhaft darin erwartet wird.

Das Jahr 2006 war für mich ein Jahr großer Unstetigkeit. Es hatte über lange Strecken sehr unangenehme Beigeschmäcker, sei es unsere sich nicht gerade zum Besseren bewandte globale Situation, sei es, dass ein Jahr mehr feiger, deutscher Bürger vergangen ist, die sich nicht ihres Artikel 20,4 des Grundgesetzes bewusst sind - Schiller schrieb zwar: „Wenn der Gedrückte nirgends Recht finden kann, Wenn unerträglich wird die Last, greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel, und holt herunter seine Rechte, die droben hängen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“, doch Schiller ist und bleibt ein unerträglicher Idealist -, sei es, dass ich selber dafür verantwortlich bin, dass einige Menschen, mich eingeschlossen, nicht glücklich aus dem Jahr gehen konnten.
Sehet nur, dass es das Jahr war, in dem die Hälfte der Deutschen einem Todesurteil – dem von Saddam Hussein – zustimmten, eben jene Hinrichtung auch noch mit einem Kamerahandy mitgeschnitten und im Netz veröffentlicht wurde; ein CDU-Politiker, und sei er nicht gerade ein rhetorischer Könner, aus Amt und Würden fliegt, weil er nicht wusste, dass Wahrheitsäußerung kein politische Gut in der BRD ist und dass die soziale Landschaft hierzulande noch nicht reif ist für die Erkenntnis, dass man die Initiatoren der zum scheitern verurteilten – das wusste schon Helmut Schmidt – und gescheiterten integrativen Multikultur-Politik durchaus „Multikulti-Schwuchteln“ nennen könnte; es ist ein Jahr mehr W. Bush; es ist das Jahr nach den unerwarteten Neuwahlen, das unerträgliche Koalitionsergebnis, dass das vorher schon miserabel funktionierende Konzept der Vermittlungsausschüsse als Generalprinzip der Politik proklamiert, wird den Bürgern langsam klar, und es etabliert sich die Erkenntnis, dass dieses Land die Politiker hat, die das Wahlverhalten der Bürger verdient.

Doch eben jenes Jahr, das global unter einem derart schlechten Stern stand war ebenso ein Jahr voller persönlicher Höhepunkte (die Erkenntnis, dass ich 06 wieder einmal weniger geschafft habe, als ich mir vorgenommen habe, verbuche ich noch nicht einmal negativ; mir ist aufgefallen, dass ich das jedes Jahr aufs Neue feststelle und damit selten alleine stehe):
Das reine, unverklärte Rittersleben in den Sommerferien - einen wunderschönen Urlaub am Ijsselmeer und eine durchaus würdige elternfreie Episode daheim -, eine folgende, großartige Kursfahrt nach Rom, das damit in meiner Gnade zur großartigsten europäischen Großstadt avanciert, drei Monate erste Freundin, ein schickes Halbjahreszeugnis und nun wenige Wochen zweite Freundin, mit der es nun in das neue Jahr geht, sowie eine wirklich wertvolle, in 06 weiter gefestigte Freundschaft zu meinem besten Freund, von denen ich beide hoffe, dass sie 07 überdauern.

Es ist Zeit, den Blick auf morgen zu richten, auf den nächsten Monat, das nächste Jahr.
Für mich wird es ein Jahr der persönlichen Umstürze und Revolutionen werden (obgleich Dávila feststellte, dass Revolten gesellschaftlich und Revolutionen religiös motiviert sind, aber bei einer Jahresprognose von solch hellsichtigem Charakter ist Sophismus nicht unbedingt angebracht), mein Abitur nähert sich unaufhaltsam und ich trage mich mit der tiefen Hoffnung, dass es gut genug für ein Medizinstudium ausfällt. Dieses Ereignis wird den Auseinanderbruch vieler Freundschaften sein, darüber kann auch der schönste Idealismus nicht hinwegtäuschen. Die Zeit greift uns bei den Hammelbeinen uns verstreut uns über Deutschland. Ob ich das nächste Jahr als Mediziner beginne, mit meiner jetzigen, wundervollen Freundin an der Hand, ob es der Familie gut geht und mir selbst, ob ich endlich mit meinen persönlichen, berufsunabhängigen Zielen voran komme, steht in Sternen, die zu weit entfernt sind von dem Boden, auf dem meine Füße wohl stehen, als dass ich sie lesen könnte.
Es bleibt das Wissen, dass es ein Jahr ist, in dem ich mehr als in jedem anderen an einem mir fast unerträglichen, seidenen Faden hänge und ganz dem Spiel der Welt ausgesetzt bin; dass alle Vorsätze nichts nützen, da die Weichen schon gestern gestellt, die Gesänge schon vor Jahren angestimmt wurden und ich jetzt dasitze und nur noch warte, ob die Sphärenklänge meiner eigenen kleinen Welt darin einstimmen.
Ich bitte darum.
7.1.07 23:15
 


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