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Urlaubserinnerung 11.10.06
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De verita temporam


Wie lang ich allein zur Ausformulierung der Überschrift gebraucht habe, ist abartig und eine weitere Repräsentation, wie wenig vom glorreichen Schulwissen im Endeffekt haften bleibt. Doch das ist nicht im Entferntesten, womit ich mich umtreibe.

Meine geschätze Familie geruhte, die letzte Woche der Herbstferien auf eine Reise nach Österreich zu verwenden.
Hier sitze ich nun mit dem sporadischen Zugang zum Internet über ein Terminal an der Rezeption und las gerade meine E-Mails. Viel Neues ward mir nicht gewahr:
Ein paar Menschen mehr hassen mich. Also eigentlich Nachrichten, die mich nicht aus der Ruhe zu bringen im Stande sind.
Nun traf es sich leider ungünstig, dass eine schwiegermütterlicher Umstand dafür sorgte, dass meine Laune zu just dem Moment, als ich diese Mails las, ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Diese war die ganze Woche über schon durch den konsequenten Einsatz kleiner und größerer Ärgernisse von Seiten meiner Eltern gesunken, mir wurde Tage lang die von mir herbeibeschworene Ruhe, das heilige Nichtstun, die Muße genommen, die das erklärte Ziel dieses meines Urlaubs in dem abgelegensten aller Dörflichkeiten - von mir gesondert für die Entspannung ausgesucht - durch den unerträglichen Aktionismus meiner Erzeuger genommen.
Und so sitze ich nun da und fange an, eine Antwort zu schreiben. Eine Antwort auf per se treuherzige und offene Zeilen; nicht nur dass ich nicht mit einem ernsthaften Wort erwähnte, dass ich mich dieser Offenheit gegenüber glücklich schätzen sollte, nein, ich schrieb mich immer mehr in jene Depression hinein, die mich ereilt, wenn ich wiedereinmal die Feder mit zu viel Selbsterkenntnis schwinge.
Einen Wimpernschlag später liege ich mit einem vor Unglück überlaufenden Herz neben meiner Herzdame und suche in ihren Armen, ob da nicht irgendwo Glück wäre.
Die tiefere Zynik lässt mich wissen, es ist gerade der böse Witz an diesen Depressionen, dass ihre verderbliche Berührung jeden Glücksmoment zu korumpieren weiss. Und so liege ich da und ich gedenke, warum ich für jeden einzelnen Menschen nur Verachtung überig habe, mich im Besonderen eingeschlossen.
Was bleibt von dem Glanz des Selbsthasses, der Selbstzerstörung?
Im Zweifel bleibt das beklemmende Gefühl, dass die Stille nach Jeff Buckleys "Halleluja" in der Magengegend zurücklässt und einem sagt, dass man sich alle Mühe gibt, in der auf Verdrängung gegründeten Naivität ein Luftschloss nach dem anderen zu bauen, auf dessen Tor in blutroten Lettern "Optimismus" steht, um dann alle paar guten Tagen von dem eigenen Intellekt verwüstet zu werden. Weil man selbst derjenige war, der nach dem Liedende den Stopp-Knopf gedrückt hat. Weil man selbst derjenige ist, der aus einer widerwärtigen Neigung heraus im Selbstmitleid ertrinken will. Und weil man weiss, dass Selbstmitleid kein Medium ist, in dem man ertrinken kann. Darf.
Da sitzt er und überlegt, ob die Anfügung zu pathetisch herüber kommt. Da sitzt er und schreibt und schreibt und wünscht sich, dass sich mit Muse' "Muscle Museum" das Selbstmitleid wenigstens zum Selbsthass steigert, der sich dann anständig zu dem anderen Selbsthass gesellen kann und dort seine Existenz als Abteilung für Zynismus fristen kann. Er wünscht sich, dass er mit der tiefen Befriedigung, sich selbst eine schmerzhafte Wunde zugefügt zu haben, den Laptop wegstellen kann.

Aber er darf nicht. Er muss sich noch schnell ein paar Gedanken von der Seele schaffen. Tatsächlich, wie ich das so schreibe, so ist es mir egal, ob es im Endeffekt auch nur ein amorpher Gedankenklumpen wird, hauptsache die Gedanken sind irgendwie in ein beständiges Medium als dem eigenen Gedächtnis gebannt, sodass ich sie später wieder aufnehmen und neu reflektieren kann.
Zuersteinmal sind da diese Gedanken, wie vorbestimmt mein Leben jetzt schon durch mein Verhalten ist. Ich weiss, dass mich fast jeder, der mich neu trifft seltsam findet oder hasst. Liegt an meiner exzentrischen Art, den arroganten Gedanken der eigenen Unfehlbarkeit - ein Familienerbstück -, Zynismus und einen teilweise überraschend verträglichen Intellekt zu kombinieren. Da ist der Hass auf alle Menschen. Diese Menschen, die erzählen, dass sie Meister in irgendwas geworden sind, die ihre Weibergeschichten an die große Glocke hängen, damit alle an ihren Lippen hängen. Oder sei es nur, dass sie irgendwie Macht auf andere ausüben. Sei es, dass sie andere diskreditieren, um selber besser dazustehen, vor sich und anderen. Und alle miteinander tuen es nur, um sich selber geil zu finden.
Und dann ist da diese Verachtung für mich selbst, wenn ich mich bei dem Ansatz von so etwas selbst ertappe.
Das wirklich erschreckende ist aber, dass ich diese ganze Produktion vor anderen gar nicht brauche. Im negativen Sinn. Denn ich bin ein derartiger Narziss, dass ich mir selbst ausreiche, um mich geil zu finden. Ich sehe einfach jemanden an, einen Idioten, finde mich geil. Ich denke einen sublimen Gedanken, schreibe Zeilen, von denen ich in dem Moment glaube, dass sie groß sind und finde mich geil. Ich sehe ein einziges Lächeln und kann mich schon geiler finden, als ein Mensch, der dem ihm zu Füßen liegenden Publikum mit stolz geschwollener Brust erzählt, er sei deutscher Meister in irgendwas. Darauf folgt die Stufe, dass ich mich nocheinmal geiler finde, weil ich die ganzen Menschen, die ich verachte, nicht brauche, um mich geil zu finden und sie verachte, weil sie das nicht können. Final kommt dann nur immer der Absturz, dass ich mich total geil finde und so viel verpasse, dass ich jetzt schon weiss, dass ich einmal kurz vor meine Tod stehe und sage, dass ich so viel nicht erlebt habe. Ich weiss es jetzt schon. Ich weiss es, dass ich mich bedauern werde, dass ich die Gesellschaft nicht mitgenommen, sondern aus Prinzipienreiterei und Arroganz nicht mitgenommen habe, dass ich mich lieber auf meine Art verwirklicht habe. Wahrscheinlich werde ich erst prämortal erkennen, wie hohl der Berg ist, auf dem ich stehe, dieser Mont Moralis. Aber sei's drum.

Wie einfach es für eine Gemütsregung ist, einen von den Beinen zu holen. Einen dazu zu bringen, an der sich eigenen Beziehung, Fähigkeiten, Ruf und sogar der Reputation vor sich selbst zu zweifeln und damit die ganze Welt in ein fahles Licht zu tauchen. Wie gesagt, eine tödliche Berührung. Blick der Medusa für Fortgeschrittene.
Und dass die schreibende Feder und die fast sphärischen Klänge wahrer Musik der Feind dieser und in der Lage ist, mich wieder zu holen, meinem toten Fleisch das Leben wiederzugeben...
21.10.06 19:14
 


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