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Der Tag, an dem ich Faust las
oder: Die Rückkehr zum Alltag


Nach langen Wochen der literarischen Enthaltsamkeit meinerseits soll nun endlich einmal wieder etwas hier erscheinen.
Der zweite Tag nach Wiederbeginn des Unterrichts an dem mir sehr am Herzen liegenden Pflegeheim für Intelligenzflüchtlinge aller Art liegt mit nahezu genauso wenig meinerseitigen Beteiligung hinter mir, wie all die ungezählten Tage der vergangenen Jahre.
Es läuteten mir Glocken, dass es nun endgültig um meinen Abschluss ginge, aber was denn Geist in Sphären höchster Geschäftigkeit treibt, lässt das schwache Fleisch in erschreckend evidenter Weise kalt, es siecht in bekanntem Trott weiter und lässt sich durch die sich aufbäumende Seele kaum stören.

Ich bekenne! Aus einer verweichlichten Gesellschaft stamme ich! In einen umso härteren Kampf ziehe ich, bis... Ich muss zugeben, der Teil mit dem kommenden Erlöser ist jetzt im Speziellen für meine Person nicht der Weg der Wahl.
Wie der geneigte Leser sich vielleicht erinnert, so er denn kontinuierliche Lektüre an diesem Blog genommen hat, bin ich ein Freund symbolischer Akte. Ich beschloss also im stillen Kämmerlein, einige Wochen zu fasten.
Die Ferien waren das pure Rittersleben, orgiastisch und drogenschwanger und mein geschlagener Körper schreit nach Ruhe.

Der einzige Lichtblick im semidepressiven Dahintreiben war die heutige Erstlektüre von Faust durch meine überraschten Augen.
Ich hatte Goethe, sein Ouvre, sein Wirken und seine Bedeutung schon häufig mit dem Marquis de F. diskutiert. Auch war Faust aufgetaucht, doch ich hätte mir kaum träumen lassen, wie monumental dieser Opus doch tatsächlich ist.
Mir liegt nichts ferner, als die unsägliche Blasphemie der Aufgabenstellung, eine Szene im Goethestil zu erdenken und zu verschriftlichen, wie sie gerade heute in meinem sonst geliebten Deutschkurs gestellt wurde, zu bearbeiten - man muss nicht einmal Dávila gelesen haben, der sagte, man solle nicht das, was man verehre dadurch abwerten, es zu imitieren, um die Ungeheuerlichkeit dieser Dummheit zu erkennen -, gleichermaßen werde ich mich und das Werk gar nicht durch Interpretation oder Rezension erniedrigen; meine persönliche Meinung zu solchen ist einfach: Es handelt sich um zwei Spielarten der selben Problematik, nämlich der des unheiligen Handels, wenn man so will.
Es erfüllt mich immer ein bisschen mit Unmut, wenn ich lesen muss, wie ein Werk solcher Größe auseinander genommen wird. Die Notwendigkeit des Autors, bestimmte Aspekte besonderns zu emphasieren, hervorzuheben und gesondert zu behandeln stört das bestehende, runde Gesamtbild des gelesenen Buches.
Warum also tue ich mir das Lesen solcher Schriften noch an?

Die Frage ist schnell beantwortet; der aufmerksame Leser wird vermutlich schon ahnen, dass ich auf den weiter oben erwähnten Handel hinaus will: Der stete Trieb der Neugier.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich einem bei der Lektüre solcher Texte erstaunliche Aspekte des Werks eröffnen. Diese sind in der Lage, dass bestehende Gesamtbild zu bereichern oder zu verschlechtern, das ist ebenfalls eine völlig subjektiv zu beurteilende Frage. Im Endeffekt existieren trotz alledem Werke, die man einfach lesen und auf sich wirken lassen sollte.

Gerade beim Faust interpretieren die Leute sich zu Tode, wie der Marquis und ich mal um mal feststellen; allzu leicht wird übersehen, dass Goethe dieses Werk nur aus einem einzigen Grund geschrieben hat, den man so jovial, vulgär und ordinär ausdrücken kann, wie er im Kern der Sache ist:
Er wollte allen mal gehörig zeigen, wer die dicksten Eier im Ring hat.
Sinnbildlich könnte man den Faust doch überschreiben mit:
J. W. v. Goethe,
FAUST
Drama in zwei Teilen
Betreff: Alles

Zweifelsohne ist der Faust der Thron, das Monument und das Siegestor, dass sich Goethe mit voller Absicht und genau mit dieser Intention bereits zu Lebzeiten erbaut hat. Dennoch oder gerade deswegen gilt:
Der Faust spiegelt den Genius seines Dichers eindrucksvoll wider; der Leser, der das Buch mit offenen Augen aufschlägt, der findet eine Schale gleissenden Lichts, ihn zwingend, eben jene Augen vorübergehend wieder zu schließen und dessen Trunk zu einem sehr stimmigen Gesamtbild führt.
Dennoch tut er in meinen Augen, und das ist eben die wahnsinnige Seite Goethes' Genies - er, der Schalk, der böse Geist, für den, der es so will - genau das und nicht mehr:
Er ist vollendet. Der tiefe Abdruck im Geist ist viel mehr Wert als ein paar von Interpreten verstreute Trümmer. Oder, um einmal an einer ganz unpassenden Stelle Lammbock zu zitieren: Da muss man doch dann nicht immer stundenlang drüber reden.

Walter Moers sagte sehr treffend, dass Goethes zamonisches Pendant der "unerträgliche Platzhirsch der zamonischen Geschichte" sei und trifft damit buchstäblich "des Pudels Kern"; dennoch muss man diese in meinen Augen problemlos auf Goethe übertragbare Formulierung in Bezug auf seine Präsenz und nicht auf die Brillianz seines Wirkens sehen.

Ich muss mich fast Eulenspiegel gleich an meinen eigenen Haaren aus der Raserei meiner Schreibwütigkeit reissen, die, einmal angefangen und ungebremst, früher oder später die skurrilsten Bahnen zu ziehen im Stande ist.


So werde ich mich durch den blass schwarzen Äther mal schwebend, mal schwimmend und mal fast ertrinkend zum nächsten Lichtpunkt bewegen. Auf bald.
10.8.06 21:41
 


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