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Der Tag, an dem ich Faust las
oder: Die Rückkehr zum Alltag


Nach langen Wochen der literarischen Enthaltsamkeit meinerseits soll nun endlich einmal wieder etwas hier erscheinen.
Der zweite Tag nach Wiederbeginn des Unterrichts an dem mir sehr am Herzen liegenden Pflegeheim für Intelligenzflüchtlinge aller Art liegt mit nahezu genauso wenig meinerseitigen Beteiligung hinter mir, wie all die ungezählten Tage der vergangenen Jahre.
Es läuteten mir Glocken, dass es nun endgültig um meinen Abschluss ginge, aber was denn Geist in Sphären höchster Geschäftigkeit treibt, lässt das schwache Fleisch in erschreckend evidenter Weise kalt, es siecht in bekanntem Trott weiter und lässt sich durch die sich aufbäumende Seele kaum stören.

Ich bekenne! Aus einer verweichlichten Gesellschaft stamme ich! In einen umso härteren Kampf ziehe ich, bis... Ich muss zugeben, der Teil mit dem kommenden Erlöser ist jetzt im Speziellen für meine Person nicht der Weg der Wahl.
Wie der geneigte Leser sich vielleicht erinnert, so er denn kontinuierliche Lektüre an diesem Blog genommen hat, bin ich ein Freund symbolischer Akte. Ich beschloss also im stillen Kämmerlein, einige Wochen zu fasten.
Die Ferien waren das pure Rittersleben, orgiastisch und drogenschwanger und mein geschlagener Körper schreit nach Ruhe.

Der einzige Lichtblick im semidepressiven Dahintreiben war die heutige Erstlektüre von Faust durch meine überraschten Augen.
Ich hatte Goethe, sein Ouvre, sein Wirken und seine Bedeutung schon häufig mit dem Marquis de F. diskutiert. Auch war Faust aufgetaucht, doch ich hätte mir kaum träumen lassen, wie monumental dieser Opus doch tatsächlich ist.
Mir liegt nichts ferner, als die unsägliche Blasphemie der Aufgabenstellung, eine Szene im Goethestil zu erdenken und zu verschriftlichen, wie sie gerade heute in meinem sonst geliebten Deutschkurs gestellt wurde, zu bearbeiten - man muss nicht einmal Dávila gelesen haben, der sagte, man solle nicht das, was man verehre dadurch abwerten, es zu imitieren, um die Ungeheuerlichkeit dieser Dummheit zu erkennen -, gleichermaßen werde ich mich und das Werk gar nicht durch Interpretation oder Rezension erniedrigen; meine persönliche Meinung zu solchen ist einfach: Es handelt sich um zwei Spielarten der selben Problematik, nämlich der des unheiligen Handels, wenn man so will.
Es erfüllt mich immer ein bisschen mit Unmut, wenn ich lesen muss, wie ein Werk solcher Größe auseinander genommen wird. Die Notwendigkeit des Autors, bestimmte Aspekte besonderns zu emphasieren, hervorzuheben und gesondert zu behandeln stört das bestehende, runde Gesamtbild des gelesenen Buches.
Warum also tue ich mir das Lesen solcher Schriften noch an?

Die Frage ist schnell beantwortet; der aufmerksame Leser wird vermutlich schon ahnen, dass ich auf den weiter oben erwähnten Handel hinaus will: Der stete Trieb der Neugier.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich einem bei der Lektüre solcher Texte erstaunliche Aspekte des Werks eröffnen. Diese sind in der Lage, dass bestehende Gesamtbild zu bereichern oder zu verschlechtern, das ist ebenfalls eine völlig subjektiv zu beurteilende Frage. Im Endeffekt existieren trotz alledem Werke, die man einfach lesen und auf sich wirken lassen sollte.

Gerade beim Faust interpretieren die Leute sich zu Tode, wie der Marquis und ich mal um mal feststellen; allzu leicht wird übersehen, dass Goethe dieses Werk nur aus einem einzigen Grund geschrieben hat, den man so jovial, vulgär und ordinär ausdrücken kann, wie er im Kern der Sache ist:
Er wollte allen mal gehörig zeigen, wer die dicksten Eier im Ring hat.
Sinnbildlich könnte man den Faust doch überschreiben mit:
J. W. v. Goethe,
FAUST
Drama in zwei Teilen
Betreff: Alles

Zweifelsohne ist der Faust der Thron, das Monument und das Siegestor, dass sich Goethe mit voller Absicht und genau mit dieser Intention bereits zu Lebzeiten erbaut hat. Dennoch oder gerade deswegen gilt:
Der Faust spiegelt den Genius seines Dichers eindrucksvoll wider; der Leser, der das Buch mit offenen Augen aufschlägt, der findet eine Schale gleissenden Lichts, ihn zwingend, eben jene Augen vorübergehend wieder zu schließen und dessen Trunk zu einem sehr stimmigen Gesamtbild führt.
Dennoch tut er in meinen Augen, und das ist eben die wahnsinnige Seite Goethes' Genies - er, der Schalk, der böse Geist, für den, der es so will - genau das und nicht mehr:
Er ist vollendet. Der tiefe Abdruck im Geist ist viel mehr Wert als ein paar von Interpreten verstreute Trümmer. Oder, um einmal an einer ganz unpassenden Stelle Lammbock zu zitieren: Da muss man doch dann nicht immer stundenlang drüber reden.

Walter Moers sagte sehr treffend, dass Goethes zamonisches Pendant der "unerträgliche Platzhirsch der zamonischen Geschichte" sei und trifft damit buchstäblich "des Pudels Kern"; dennoch muss man diese in meinen Augen problemlos auf Goethe übertragbare Formulierung in Bezug auf seine Präsenz und nicht auf die Brillianz seines Wirkens sehen.

Ich muss mich fast Eulenspiegel gleich an meinen eigenen Haaren aus der Raserei meiner Schreibwütigkeit reissen, die, einmal angefangen und ungebremst, früher oder später die skurrilsten Bahnen zu ziehen im Stande ist.


So werde ich mich durch den blass schwarzen Äther mal schwebend, mal schwimmend und mal fast ertrinkend zum nächsten Lichtpunkt bewegen. Auf bald.
10.8.06 21:41


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Urlaubserinnerung Andijk 2006


Es ist schon wieder eine gewisse Zeit her, zwei Wochen - für den ferienhabenden Schüler, der nur noch in der Maßeinheit Ferien misst, ein ganzes Drittel der Ferien, eine halbe Ewigkeit, wenn man so will -, dass ich meinen Urlaub in Noordholland verlebt habe.
In meiner letzten Inskription kann der geneigte Leser die Randbedingungen dieser kleinen Reise nachlesen; kurz gesagt waren wir eigentlich vier Menschen, die kaum unterschiedlicher sein könnten und an deren gemeinsamem Urlaub mindestens ein kichernder griechischer Gott mitgewirkt hat.

Ich will nicht mit allzu viel lästigem Geplänkel langweilen, ich beginne deshalb am besten an dem Punkt, wo wir gemeinsam im Auto saßen und uns Richtung Urlaub... nunja, genau genommen ersteinmal Richtung Aldi bewegten. Der Einkauf war recht schnell gemacht und ich trug eigentlich nichts mehr als unkonstruktive Störungen bei, so zum Beispiel den Kauf von Lachs oder das Plädoyer für die Dringlichkeit der Wahl des Deluxe-Toilettenpapiers. Diese generelle soziale Unkonstruktivität habe ich mir auch recht gut über den Urlaub bewahrt, man könnte sie fast charakteristisch nennen.
Der Weg war recht problemlos und wir kamen recht bald in Amsterdam an, wo ich die Gruppe zielsicher auf einem gigantischen Umweg zu dem Krautkrämer führte, zu dem ich wollte.
Ich hatte die Woche vorher genug Zeit gehabt, mich ausreichend zu informieren und hatte mir das Grey Area ausgesucht. Es lag recht zentral und wir fanden es gut, nachdem wir uns ein Parkticket in der Innenstadt für eine halbe Stunde gegönnt hatten, was den unbedeutenden Betrag von 4,40€ kostete.
Ich ging alleine in den Laden und erwarb drei Gramm von den teuersten Rauschmitteln, die es so gab und verließ den Laden sogar, ohne meinen Ausweis gezeigt zu haben.

Wir setzten unseren Weg Richtung Noordholland fort, nachdem wir uns mit der Amsterdamer Straßenführung etwa eine Stunde fahrend auseinander gesetzt und schließlich überworfen hatten. Diese Stadt ist ein Straßenverkehrsirrenhaus erster Güte, das muss ich wirklich nicht noch einmal haben.
Der Rest der Anreise war problemlos, wir kamen an, die Damen an der Rezeption sprachen Deutsch und wir machten uns zu unserem Bungalow auf.

Ich dachte zuerst, das, wovor wir standen, sei das zum Haus zugehörige Klohäuschen. Aus diesem Gedankengang entwickelte ich dann auch den liebevollen Namen "Wohnklo" für dieses Domizil, der im Folgenden auch Verwendung finden wird.
Ein weisser Plastikblechcontainer, nicht besonders sauber und nicht gerade groß, genau zwischen zwei identisch aussehenden Containern stehend. Ein Traum. Sehr schön. Ludi incipiant, mögen die Spiele beginnen!

Was soll man für etwa 60€ pro Person erwarten? Innen sah das Wohnklo auch gar nicht so schlecht aus. Wir richteten uns provisorisch ein, stellten fest, dass die Dusche bei Benutzung das Badezimmer zu fluten vermochte und fingen an, Alkohol und Drogen zu konsumieren.
In der Hitze Noordhollands an einem Plastiktisch zwischen zwei Wohnklos zu sitzen, eiskaltes Bier zu trinken und Rauschmittel zu rauchen ist ein adorabel desolates Gefühl. Ein Gefühl nach Ferien. Noch den Dávila zur Hand genommen und ich hatte die perfekte Synthese zwischen Drogenexzess, Kulturgenuss und Nichtstun erreicht. Anbetungswürdig. Grandios.
Dazu kam, dass ich relativ schnell erreichte, dass mir die Dame K. immer Bier holen musste. Es war ein faires Arrangement, dafür wärmte ich ihr am ersten Abend die Füße.
Dieser Zeitvertrag entwickelte sich schnell weiter und ehe ich mich so recht versehen hatte, massierten wir uns gegenseitig.
Wenn man so will, hat sie den Verlauf des letzten Abends geradezu heraus gefordert, aber dazu später.

Die Tage verliefen uniform: Ich stand konsequent als Letzter auf, was, nebenbei gesagt, auch sehr gut so war, denn das Gefühl, morgens neben dem Knecht Karl, mit dem ich mir ein Doppelbett teilen musste, aufzuwachen, ist nach wie vor kein Gedanke, dem ich sehr zugeneigt wäre. Ich frühstückte, nörgelte, dass ich noch nicht Bier trinken konnte, da sich die Marozia weigerte, mit meinem Auto zu fahren, und fuhr die Gemeinschaft erst zum Einkaufen und dann zum Strand. Ab dem zweiten Tag stellte ich das Gesindel vor die Wahl, entweder Marozia zu zwingen, das Fahren vom Strand zurück zu übernehmen oder damit zu leben, dass ich am Strand ein paar Bier trank.
Die Strecke war so gerade wie von einer metaarchitektonischen Hand in die Landschaft gezogen und ein Blinder hätte sie problemlos fahren können. Es traten auch erwartungsgemäß keine Probleme auf. Erst wenn wir am späten Nachmittag vom Strand wiedergekommen waren, konnte ich in voller Bandbreite meiner drogengestützen Selbstzerstörung fröhnen. Das ganze wurde garniert von der Freizeitkleidung, die Marozia des Abends nach dem Duschen anzog. Ich denke, ich habe erwähnt, dass diese Frau den großartigsten Hintern hat, den ich je gesehen habe. Nunja, dieser vielmehr Fetzen Stoff ist mit anbetungswürdig lasziv sehr wohlwollend umschrieben, was die Aussichten sehr großartig machte. Dass die von ihr getragene Bademode dieser Kleidung in nichts nachstand, war nicht anders denkbar und sehr dankbar. Allerdings ist die Funktion der Marozia in diesem Urlaub damit auch recht umfassend beschrieben.

Wir hatten also unseren Spaß und wollten es am letzten Abend noch einmal richtig krachen lassen. Wir kauften uns, Marozia ausgenommen, jeder einen Träger Grolsch, der sechs Dosen zu je einem halben Liter enthält, und hatten auch noch den Vodka, den ich zu Ferienbeginn eigentlich für Marozia auf Grund deren Abneigung gegen Bier gekauft hatte, den sie aber nicht wirklich dezimiert hatte. Und die Rauschmittel mussten schließlich auch weg, daran, sie wieder mitzunehmen, war nicht zu denken.
Wir legten uns mächtig ins Zeug, gegen sechs waren die Drogen leer, gegen halb neun hatten wir das Bier hinter uns, und knapp um elf war auch der Vodka überwunden.
Im Endeffekt hing Karl auf einem der beiden Sofas im Wohnzimmer und ich saß auf der Dame S., die ihren BH geöffnet hatte und auf dem Bauch lag, damit ich sie massieren konnte. Ich versuchte unauffällig Karl begreiflich zu machen, dass er sich gefälligst ins Bett begeben sollte, aber es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis er mein nonverbales Flehen richtig auffasste und den Raum verließ.
Da war ich nun und konnt' nicht anders. Ich massierte hingebungsvoll und ließ meine Hände immer weiter in die Richtung ihrer Brüste gleiten, bis ich irgendwann feststellte, dass sie eingeschlafen war. Ich blieb noch ein paar Minuten an meinem Platz, um sie nicht zu stören, doch irgendwann erwachte sie.
Sie zog sich wieder an und wir kuschelten. Eine alte und schöne Romantik lag in der Luft und das merkte sie auch. Sie sagte, dass sie einen Freund habe und ich erwiderte, dass ich sie nicht in ihrer Entscheidung beeinflussen würde. Schließlich küsste ich sie dann einfach. An jenem Tag gingen wir dann recht bald schlafen, aber das Spiel war eröffnet.

Am nächsten Tag kam dann das böse Erwachen. Halb acht, anziehen, aufräumen, undefinierbaren Pamps in den Mund schaufeln, das Auto beladen und los.
Ich danke meiner eigenen Genialität, eine derart dunkele Sonnenbrille gekauft zu haben, ansonsten wäre es unerträglich gewesen. Derart präperiert stieß ich dann auf den holländischen Verkehr. Überall 120 oder 100, schiebender Automassen und als Kirsche auf dem Haufen Scheisse eine falsche Autobahnbeschilderung, die uns erst einmal 50km Richtung Groningen, also genau in die Gegenrichtung schickte. Wäre mir nicht irgendwann aufgefallen, dass Amsterdam nicht mehr auf den Schildern und das Meer auf der falschen Seite war, wären wir vermutlich bis Groningen durchgefahren. Etwa 60km vor Hengelo schließlich bekam ich das absolute Tagestief.
Es traf mich wie ein riesiger Hammer am Kopf und muss auch meine Tanknadel erwischt haben, denn sie strebte fröhlich in den roten Bereich.
Das ist eine dieser typischen Situationen, in denen man einen ziemlich gesunden Welthass entwickelt, denn ich fuhr und fuhr und die Distanz nach Hengelo wurde nicht kürzer, eine Tankstelle tauchte selbstverständlich auch nicht auf. Ich habe in diesen gefühlten drei Äonen mehr gelitten als in meinem ganzen Leben davor.
Dazu kam, dass sich der Rest der Reisegesellschaft gar nicht so recht für meine depressive Stimmung begeistern wollte. Schließlich kam Hengelo. Bald kam auch Enschede. Wir ließen die deutsche Grenze hinter uns und ich dachte, dass doch bald hinter der Grenze bald eine Tankstelle sein müsste, aber, um es mit meinem werten Bruder zu sagen: Trocken auf Kies gefurzt. Ich fuhr schon lange auf Reserve, bis ich mich schließlich in Ochtrup zum Verlassen der Landstraße entschloss.
Ich kann mich nicht erinnern, dass je zuvor eine schäbige frei Tankstelle sexuelle Erregung in mir hervorgerufen hätte. Ich tankte 30 Liter und fuhr die restliche Strecke nach Hause.

So endete die Reise zum Mittelpunkt von Noordholland schließlich in einer heissen Badewanne bei einem kalten Budweiser.
Irgendwie habe ich mich in diesen Urlaub verliebt...

24.7.06 21:14


Reiseprotokoll: 1.7.2006


Ich sitze im Zug von Freiburg im Breisgau zurück nach Hause, nach Münster.
Neben mir eine Familie, ein Mann, barfuß, eine Frau, braungebrannt, und Kinder, die fröhlich und naiv vor sich hin plappern.
Sie plappern und plappern und die Hälfte des Gesagten strotzt von Fehlern; dass die Eltern diese nicht korrigieren lässt auf pädagogische Berufe schließen.
Pädagogen! Pädagogik! Die einzige Wissenschaft, die sich mit ihrer Fortentwicklung immer ineffektiver wird.
Man glaubt nicht, welche fatalen Folgen das Zusammentreffen von dem Recht der persönlichen Freiheit und dummen Menschen hervor bringt.
Berufe wie Sozialpädagogik, Sozialwissenschaften, Tierpsychologie sind in meinen Augen die evidenteste Folge; wenn man mit Volker Pispers sprechen wollte, so könnte man ohne weiter nachzudenken auch Aktienanalysten, Unternehmensberater und Investmentbanker dazu zählen. Mir soll es recht sein.
Ich wandle mich, nicht ohne Zutun meiner Lektüre von Nicolás Gómez Dávila, mehr und mehr zum anachronistischen Menschen, ein Jugendlicher unter Jugendlichen, der obsoleten Werten anhängt, weil sie ihm mehr Sinn zu haben scheinen als die, welche die Moderne zu ihren Ideologien erhoben hat.

Denkpause. Ein leichtes Knacken meiner Handgelenke. Die Kinder plappern immer noch, sie wollen Gruselgeschichten hören. Wie sie wohl reagieren würden, wenn ich ihnen in allen Details erzählen würde, wie ich sie nachts aufsuche, sie hören mich nicht kommen, ich nehme sie gefangen und foltere sie langsam aber sicher zu Tode. Nicht nur der rein soziologisch interessante Gedanke ist interessant; vielmehr ist es das subtile Gefühl, dass ich gerade wie De Sade zu seinen sympathischsten Zeiten gedacht haben muss. Großer Künstler dieser De Sade; angeblich soll er ein schnelllebiger, gedankenloser Mensch gewesen sein, ein Aufreißer, ein Aufrührer. Nicht umsonst fristete er Jahre in der Bastille, wo er unter anderem sein beachtenswertestes Werk schrieb: Die 120 Tage von Sodom. Sein eigentlicher Verdienst ist nicht die literarische Kunst seiner Werke, sein Verdienst, nein, seine Kunst ist es, solch absurde, perverse und abstoßende Dinge in einer Zeit des absolutistischen Frankreichs zu erdenken, ohne fremden Anstoß und, was ich besonders bewundernswert finde, ohne dabei selber verrückt zu sein. De Sade schuf damals etwas so ausgefallenes, dass es sogar heute, in unserer axiologisch verkümmerten Gesellschaft noch schockieren kann.
Ich bin sehr gespannt, wie ich reagiere, wenn ich diese Zeilen später einmal lese.

Der Akku des Laptops, auf dem ich diese Zeilen schreibe, ist laut Anzeige noch bei 93%. Es ist fünf nach halb, ich schreibe circa 25 Minuten.
Instinktiv habe ich die Anzeige dunkler gestellt, um Strom zu sparen.
92%. Die Fahrt soll 5 Stunden dauern, was 300 Minuten entspricht. Wenn ich pro 25 Minuten 8% verbrauche, dann verbrauche ich in 50 Minuten 16%, was wiederum 64% in 200 Minuten entspricht und 96% für die gesamte Fahrt. Die Welt ist schlimm. Mit ein bisschen Glück finde ich noch die Lust, ein bisschen Dávila zu lesen. Ich habe auch noch "Schiffbruch mit Tiger", was mir der Marquis de F. zu lesen aufgetragen hat, und "Das Parfum" dabei, aber ich habe auf diesen Schrott keine Lust. Mein Geist giert nach guten Büchern, aber ersteres gehört mit Sicherheit nicht dazu. Ich muss es natürlich trotzdem lesen, der Marquis hat mich schließlich darum gebeten. Obwohl diese Bitte einem Befehl auch recht ähnlich war. Ich frage mich, ob er jemals den Dávila anfasst, wenn ich ihn darum bitte. Mich beschleicht da das leise Gefühl, dass dem nicht so sein wird, aber man soll mit seinen Urteilen nicht vorschnell sein. Ahnungen, Prophezeiungen, Prejustizien sind nette Zeitvertreibe, eine Technik für den simplen Geist, um Sachverhalte bereits im Voraus überschaubar zu gestalten, aber sie sind mit meinen Werten und Prinzipien nicht vereinbar. Die Grenze zwischen vorrausgehenden Gedanken und Vorurteilen ist ein Band aus Luft, dessen Erkennung ganz und gar dem Gefühl und der Erfahrung des Einzelnen obliegt. 89%.

Ich starre Minutenlang ins Leere. So lang, dass sich sogar der Bildschirm ausschaltet. Ich darf nicht aufhören zu schreiben, obgleich mein linker Ellenbogen sehr unangenehm auf der Armlehne aufliegt. Es ist kaum zu ertragen, die ungünstige Körperhaltung, der Durst. Ich wusste schon heute morgen, es wäre ein Fehler, keine Wasserflasche mitzunehmen und genau das habe ich geschafft. Ich kann nicht in den Speisewagen, falls es einen gibt, denn dann müsste ich meine Flinte und den Laptop hier alleine lassen; ich kann aus dem selben Grund nicht aussteigen, außerdem habe ich keine Lust, dass der Zug ohne mich weiter fährt. Des weiteren müsste ich garantiert wieder aufs Klo und darauf hab ich in diesem Zug überhaupt keine Lust.
Oh mein Gott, der Depp neben mir fängt an, seinen verfluchten Blagen eine Geschichte über Schlangen zu erzählen. Die Kinder stellen lauthals verdepperte Fragen.
Ich hasse Kinder. Um es mit Dr. Cox zu sagen: "You know me and Jordan hate all people?! Now that goes doubling for kids, it's true: They're loud, you can't understand them..." Ich stand einmal in der Schule oben in der Musik mitten in einem Schwarm Kinder, die laut um mich herumtobten. Es war einer dieser Tage, wo man Kopfschmerzen und sowieso schlechte Laune hat, weil die Nacht das Schlafdefizit wieder um vier Stunden vergrößert hatte; deine Glieder sind bleischwer und du schleppst dich mit Mühe in den dritten Stock hoch, nur um einen unglaublich langweiligen Unterricht zu ertragen. Und gerade dann müssen zweihunderttausend kleine Idioten um mich herum turnen, von denen ich weiß, dass sie in wenigen Jahren die große Bevölkerungsgruppe bilden, die ich jetzt schon verachte und, wenn ich ersteinmal Steuern bezahlen werde, noch viel mehr verachten werde.
Genau in dieser Situation konnte ich mich einfach nicht mehr halten; gut, ich bin ja vergleichsweise beherrscht, und ich kann mich - unter Konzentration - sogar mit totalen Dummköpfen unterhalten, ohne sie zu beleidigen und den Tod zu wünschen, obwohl in meinem Kopf ein kleiner Mann sitzt und die ganze Zeit "ICH HAAAASSE DICH!!! ICH WILL DICH TÖTEN!!! AUFSCHLITZEN, SCHÄCHTEN, AUF SCHÄNDLICHE WEISE DEMÜTIGEN UND AUS DEM ANGESICHT DER WELT TILGEN! AAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRRRG" schreit. Ich sage laut und deutlich einfach diesen Satz:
"Ich hasse Kinder."
Die Wirkung war erstaunlich. Es wurde schlagartig ruhig, die Kinder guckten mich mit großen Augen an. Dann verzogen sie sich eine Ecke des Raums, wo sie wahrscheinlich über mich lästerten. Aber was soll es denn? Wenn sich ein Marcel Reich-Ranicki keinen Deut für die Jugend interessiert, dann muss ich das erst recht nicht. Was kann diese Jugend mir bieten? Sie soll das Fundament für den Wohlstand und die Flexibilität und Leistungsfähigkeit des Landes werden! Dass ich nicht lache! Diese Menschen? Jeder neue Jahrgang der Jugend wird verdorbener, solche Leute interessieren mich nicht nur nicht, es wäre für dieses Land wahrscheinlich besser, wenn sie alle überhaupt gar nicht erst geboren worden wären... Oh je, jetzt geht es wieder los mit diesen Gedanken, ich muss damit aufhören!

83%, die Familie neben mir steigt aus, der Tag ist fürs erste gerettet! Der Rest des Abteils ist erfrischend ruhig. Karlsruhe Hauptbahnhof. Eine Frau setzt sich zu mir; sie erinnert mich ein bisschen an eine Freundin meiner Mutter. Im angrenzenden Abteil läuft "Sunshiny Day", mitgegrölt von ein paar arythmischen Volltrotteln. Es gibt diese unangenehmen Tage, wo man denkt, die Musik alleine sei schon schlimm genug... Wahrscheinlich werde ich mal einer dieser verhärmten, kinderhassenden und dauernd meckernden Opas, die immer die Bösen im Fernsehen sind. Die Jugendliche laufen durch den Zug, wahrscheinlich auch noch betrunken und pöbeln durch die Gegend. Laut ihren Tshirts handelt es sich um einen Junggesellenabschied. Das Motto könnte man beibehalten und sich kollektiv von der ganzen Truppe verabschieden. Gut, sie müssten dann aus dem Zug springen, möglichst noch, wenn wir an irgendwelchen fiesen Klippen vorbei oder über eine hohe Brücke fahren, aber was tut man nicht alles für sein Motto retrospektive seine Prinzipien?

81%, es ist gut eine Stunde vergangen. Eine Frau hat die Fenster geöffnet. Auf Grund der unglaublich günstigen Strömungsführung dieses Zuges herrscht eine respektable Lautstärke. Zuerst hatte ich die Maßnahme begrüßt, nur damals saß die nervtötende Familie noch im Abteil; jetzt hat sich die Situation und damit auch die Referenz geändert; Denken geht eben am günstigsten, wenn möglichst wenig Störgeräusche vorhanden sind. Es gibt Tage, da empfinde ich sogar Mozart beim Denken als störend, was da erst diese Windgeräusche gegen sind!
Ich sehne mich in die Kühle meines Studierzimmers, in dem eine schwere Ruhe hängt. Jeder Tritt von den Teppichen gedämpft, jedes Geräusch von den schweren Vorhängen zu einem Flüstern gewandelt. Mittig an der hinteren Wand steht ein Plattenspieler auf einer eichenen Säule. Ich setzt vorsichtig die Nadel auf, es kratzt ein wenig, dann breitet sich die magische Stimme von Dusty Springfield live in Memphis im Raum aus. Ich bekomme eine Gänsehaut, mit einem wohligen Schaudern lasse ich mich in einen schweren, antiken Sessel aus weinrotem Steppleder fallen. Ich nehme mir ein Buch, nehme einen Zug von der kühlen, beruhigenden Luft, trinken einen Schluck Wasser und schlage es auf; es ist Walter Moers' jüngster Roman. Ich seufze und fange an, darin zu lesen. Dunkel.

Wie unsanft man in die Realität zurück gerissen werden kann.
Man hat dann etwas erreicht, wenn man sich die Realität rechtzeitig so umgestaltet hat, dass sie den altersbedingten Verlust der Phantasie kompensieren kann.
Altersbedingt? Reifebedingt? Ich weiß es nicht, denn ich habe diesen Prozess zum Glück noch nicht durchlaufen. Es gibt Momente, in denen kommt mir die Realität so vor, als würde sie mir nichts bieten im Vergleich zu meiner Phantasie. Das ist vermutlich ein gutes Zeichen, ich sollte mich daran machen, alle meine Träume zu sammeln und in umzusetzen, bevor ihr inspirierender Hauch von meinen Lippen verflogen ist.

Ich habe eine längere Pause gemacht, "Auf verlorenem Posten" gelesen, währenddessen war der Notebook im Sleepmodus. Der Akku hat 74%, und mein Handy hat mich gerade an zwei Aphorismen erinnert, die ich gestern morgen geschrieben habe, als ich aufgewacht war, mein Bruder aber noch schlief; ich saß auf dem Balkon und las Dávila, als mich plötzlich die Musen überfielen. Hektisch suchte ich nach Zettel und Stift und musste mich komplett ohne finden. Also nahm ich schließlich mein Handy, um diese Gedanken nicht im Vergessen verblassen zu lassen. Die beiden Aphorismen will ich nun kurz hierhin übertragen, das Nachsehen im Handy ist stets ein aufwändiger Akt.

"Die ungläubige Seele wird für den ihrer Überzeugung zu Grunde liegenden Frevel mit der lebenslangen Ungewissheit bestraft, zeitlebens schwebt über seinem Haupt Christi Geißel. Die Frage, die bleibt ist: Befreit sich der Gläubige aus eigener Kraft?"

"Eine Meinung oder Denkweise aus einem Buch übernehmen kann jeder Dummkopf; ein Buch aber, das bei seinem Leser ein kleines Rädchen in Gang setzt, sodass dieser einen großen Gedanken denkt, dieses Buch hat sowohl seinen Leser gefunden, als auch seine Erhabenheit unter Beweis gestellt."

Es ist zehn nach drei, die Zeit schreitet voran, der Ladestandsanzeiger proklamiert 71%. Es sind noch drei Stunden, bis ich wieder von der heimatlichen Umarmung meiner Stadt umfangen werde. Ich muss daran denken, wie die Leute aus meinem Umfeld reagieren würden, wenn sie mein Blog lesen würden. Ich glaube bis jetzt, dass ich niemandem allzu Unrecht getan habe; dennoch würde die Wahrheit ohne ihren schönen Mantel, den ich ihr überwarf, dem ein oder anderen widerlich und hässlich erscheinen. Vermutlich ist gerade dies aber die natürlichste Erscheinungsform der Wahrheit.
Ich überlege, ob ich mir die Genugtuung gönne... Kann ich auf diese Leute tatsächlich verzichten? Wäre es vielleicht sogar zuträglich, weil ich dann mehr lernen würde?
Wie müßig und differenziert ist eigentlich der Gedanke, ob man die einzigen Leute, die mit einem etwas zu tun haben wollen, vergrault, um seiner Prinzipien und seiner Genugtuung Willen, wie verachtend!

69%, dabei ist noch nicht einmal die Hälfte der Wegstrecke geschafft. Es fasziniert mich, wie wenig Beachtung ich dem Einerlei der Natur schenken kann. Links von mir liegt ein Fluss; es könnte der Rhein sein, aber ich will nicht lügen. Es ziehen Grünstreifen vorbei, vorhin waren es noch Felder. Dennoch fehlt dieser Natur, dieser Landschaft das Beeindruckende, die Emphase, der Glanz. Ich kenne ihn, aber ich habe ihn erst einmal gesehen; einmal hat mich die Natur so in ihren Bann gezogen, dass ich meine Augen vor Staunen nicht schließen konnte: In der Schweiz, vor einem Vierteljahr; ich stand auf dem Gipfel, vor mir das Flimser Tal; über dem Tal eine dicke, undurchdringbare, weiße Wolkendecke, über mir die Sonne und der Himmel, strahlend klar und wundeschön, alle Berge um den Talkessel in reinstem Blütenweiß. Das sind Momente, die jeder Beschreibung entbehren und spotten.

Meine größte Furcht im Moment ist, dass sich an irgendeinem Bahnhof jemand neben mich setzt. Die Gedanken, die ich hier verfasse und möglicherweise später durch mein Blog mit der ganzen Welt teile, scheinen mir in diesem Moment so privat, dass ich sie für fast nichts in der Welt jemanden lesen lassen würde. Der Abstand, den die Zeit bringt, ist durch nicht zu ersetzen.
Es ist fast halb vier, wir haben Mainz hinter uns gelassen. Die Hälfte ist geschafft, aber Müdigkeit dringt unbarmherzig auf mich ein. Ich muss dagegen ankämpfen und es ist davon auszugehen, dass das Schreiben dieses Textes ein nicht unerheblicher Teil meines Versuchs ist, gegen den Schlaf die Oberhand zu behalten.
Eine Schwarze betritt das Abteil, sie ist schon an mir vorbei. Mein Herz schlägt schneller. Nicht, weil ich meinen niederen Trieben folge, nein, es ist der fesselnde Gedanken, dass sie so hübsch ist, dass sie noch vor ein paar hundert Jahren die Mätresse des Königs hätte sein können. Sie ist groß und gertenschlank, hat eine perfekte Figur, ein Gesicht wie ein Engel und glänzende Rehaugen. So jemandem begegnet man im Zug, so jemand sieht einen gar nicht, so jemand ahnt wahrscheinlich nicht einmal, welch großes Schicksal sie verpasst hat, da sie in der falschen Zeit geboren ist. Ich kann mir ihr Gesicht kaum noch in Erinnerung rufen, obgleich ich schnell geschrieben habe. So sind unheilvolle Geister; sie schweben an einem vorbei, schenken einem einen Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln und verschwinden dann auf nimmer Wiedersehen; du kannst dich kaum an sie erinnern, nur ein deinen Eindruck und ich will gut und gerne glauben, dass Menschen an solchen Begegnungen ihren Verstand verloren haben. Die klassische, romantische, tragische Literatur zeugt davon. Der Hauch, der einem den Verstand verweht, gleich dem Flügelstreif eines Engels.
Die Zweifel dahin, vom Winde fortgetragen, zurücklassend einen seligen Trottel. Where ignorance is bliss, it's folly to be wise.
Der Tausch des ewig zum Zweifel verdammten Intellekts gegen den dummen, aber glücklichen Trieb. Ein fairer Handel?
Vielleicht. Aber kein Handel, den ich abschließen darf. Mein Aufwachsen im Kreise meiner unglücklichen Mutter und meines soziopathischen Vaters hat dazu geführt, dass mir das einfache Dahintreibenlassen in Gefühlen weitgehend verwehrt bleibt. In der Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit ja, aber nicht in Dingen wie Liebe oder Faszination. Wenn man so will, bin ich dadurch ein sehr negativer Mensch.
Vielleicht ist dies der kleine Fingerzeig, der dazu führt, dass mich alle für einen Pessimisten halten; ich pflege zu erwidern "Nichts wird so leicht für Übertreibung gehalten, wie die Darstellung der reinen Wahrheit" und den Autor anzufügen, der mir im Moment allerdings entfallen ist, ich meine Jakob Conrad, und abzuschließen, ich hielte mich eher für einen Realisten. Doch vielleicht reicht schon die kleinste Berührung der Realität durch einen Teufel um diese zu korrumpieren oder sogar zu pervertieren.
Denn unsere Realität wird doch immer durch unsere Sinne bestimmt und ist damit nicht mehr als ein Zerrbild. Mit ein bisschen Biegen kommen wir damit zum platonischen Höhlengleichnis...

Ich habe ein bisschen gedöst und meinem Bruder eine SMS geschickt. Hoffentlich hat er sich über den Kurzzeitwecker gefreut, den ich unter seinem Schreibtisch versteckt habe. Ok, ein schlechter Scherz, ich weiß, aber der einzige, der mir auf die Schnelle eingefallen ist. Des weiteren habe ich mal schnell auf meiner Fahrkarte nachgesehen und muss mich korrigieren: Jetzt ist die Hälfte der Fahrzeit um, ich hatte mich da schon verrechnet mit fünf Stunden. Es sind fast sechs Stunden. Dafür muss ich nicht umsteigen und nicht einmal der ICE wäre erheblich, also mehr als zwanzig Minuten, schneller gewesen. Nur mit dem Auto käme man schneller ans Ziel, aber ich weiß nicht, ob ich meinem momentanen Zustand gerne gefahren wäre. Viel zu müde, viel zu fertig. Dazu gestern den ganzen Tag Stress....
Ich meine, es war ein echt toller Tag. Ich war mit meinem Bruder auf dem Dornsberg schießen. Inklusive Schießlehrer und Fahrtkosten haben wir mit Sicherheit sechshundert Euro auf dem Kopf gehauen. Aber es hat sich echt gelohnt, wenn meine Eltern mal wieder zu viel Geld übrig haben, werden wir das wiederholen.
Auf dem Rückweg ist mein Bruder dann noch beim Über-Rot-Fahren geblitzt worden, unschöne Sache. Das hat die schon recht optimale Gesamtstimmung schon etwas herunter gezogen. Nur entsprechender Rauschmittelkonsum konnte da Abhilfe schaffen. Gut, dass ich diese anlässlich des Geburtstages meines Bruders mitgebracht hatte.

Apropos Rauschmittel; Diese Ferien versprechen, äußerst herb zu werden. Nächste Woche fahre ich erst einmal mit dem Knecht Karl, der Dame K. und der Marozia nach Holland.
Ijsselmeer, schön. Und wo fährt man da am besten lang? Genau, über Amsterdam. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass ich dann mal eben kurz ins Grey Area hinein hüpfe und ein bisschen Urlaubsspaß einpacke.
K. ist ein echt cooles Mädchen; sie ist nicht besonders hübsch und sieht schon von Weitem sehr nach Metal aus. Deswegen habe ich mich auch ein gutes halbes Jahr von ihr fern gehalten, bis ich durch eine Zufall mit ihr ins Gespräch gekommen bin; ich meine, es wäre auf der kleinen Weihnachtsmarkt-Exkursion meines Deutschkurses gewesen. Ab dem Tag fanden wir uns gegenseitig super. Sie hat sich zwar in der Zwischenzeit einen ziemlichen Trottel als Freund angelacht, aber der ist harmlos, wird im Zweifel von ihr kontrolliert und letztendlich treibt mich bei dieser Frau nun wirklich nicht das sexuelle Interesse an.
Die andere, Marozia, ist ein seltsames Mädel. Wir verstehen uns eigentlich immer super, wenn wir uns unterhalten; sie hat ein durchaus hübsches Gesicht, eine schlanke Figur und den mit Abstand besten Arsch, den ich je gesehen habe; leider hat sie fast gar keinen Vorbau und wir haben nie wirklich etwas miteinander zu tun.
Sie hat einen Freund und Karl läuft ihr nach, aber ich mache mir da weder für Karl und noch weniger für mich selber Hoffnungen.
Dennoch wird es auf jeden Fall ein lustiger Urlaub. Und ich freue mich schon Marozias Hintern im Bikini bewundern zu dürfen. (Ups, mir ist da die Sonnenmilch hingefallen!)
Wir haben Selbstversorgung, was jede Menge Spaß beim gemeinsamen Kochen verspricht. Überdies wird Karl seine Gitarre mitnehmen, ich kann mich jederzeit mit K. unterhalten und zur Not werde ich auch noch jede Menge Literatur mit haben. Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass ich diverse Rauschmittel in größeren Mengen zu mir nehmen und jede Menge Freude haben werde.

52% hat der Akku noch, die Uhrzeit ist 4:22Uhr, noch grob zweieinhalb Stunden bis Home, sweet Home. Links von mir teilen sich die Gleise, ein Güterzug taucht auf, wir rasen durch einen Bahnhof. Der Schaffner reißt mich aus meinen Beobachtungen. Der Notebook bekommt ein bisschen Stand-By, damit sich der Strom nicht alsbald erschöpft...

So, noch weniger als zwei Stunden. Diese Reise gerät mehr und mehr zur Odyssee. Wir fahren durch Köln, es geht schleppend langsam, die Sonne blendet mich.
Was soll ich tun? Mir ist gerade klar geworden, dass mich, wenn ich zuhause ankomme, meine Eltern erwarten, was nicht gerade zu meiner Erheiterung beiträgt. Ich hoffe mich zwar heute Abend mit meinem Freund B. treffen zu können, dennoch ist schon die erste Ferienwoche verstrichen, hinfort, for never to return.
Toll, Invasion von Russinnen in Köln Hauptbahnhof. Als ob ich mich nicht schon schlecht genug fühlen würde, muss ich jetzt auch noch russisches Kaffeekränzchen ertragen. Mein Gott, das reißt einen aus der schönsten Melancholie und Selbstbemitleidung, die für Gewöhnlich in einer kleinen Depression münden; so, wie es aussieht, wird es diesmal in Wut münden. Mit dem Fortschritt der Zeit wird auch mein Ideenreichtum immer geringer. Ich würde mich dafür verachten, wenn mein Geschreibsel am Ende nicht mehr wäre, als Impressionismus in seiner generellen Oberflächlichkeit. Impressionismus selektiert subjektiv; damit er interessant, tiefgründig, inhaltsvoll ist, muss der Schreiber schon ein erstaunlicher Mensch sein, der über eine wunderbare Wahrnehmung verfügt.

Das sollte man vielleicht kurz festhalten: Russin fragt: "Was ist schneller, ICE oder Deutsche Bahn?", Brustton der Überzeugung und Ernsthaftigkeit inklusive.
Wow, das könnte man fast in die Abizeitung bringen, das fällt in eine Kategorie mit "Zu Fuß ist kürzer als übern Berg.", nur dass diese Geschichte, wie fast alle guten, vom Leben selbst geschrieben wurde. Mein Nacken tut weh, ich habe eine Woche auf einer ausgeklappten Couch mit einem Couchkissen geschlafen. Ich bin die Dekadenz eines Wasserbetts gewöhnt und entstamme einer verweichlichten Gesellschaft, was erwartet man von mir?
Das scheint ein rudimentäres menschliches Problem zu sein: Er kann in niedrigen Zuständen leben, aber gibt man ihm einmal etwas mehr, so wird er davon regelrecht abhängig. Es ihm wieder wegzunehmen, wird zu einem größeren Gewaltakt, als ihn in die niedrigen Standards zu pressen, in denen man in gehalten hat.

45%, 5:22Uhr. Dieser kleine Bericht scheint immer mehr zum Protokoll zu verkommen, vielleicht sollte man ihm den Titel "Reiseprotokoll, 1.7.2006" geben. Wäre zu überlegen. Immerhin scheint das Wetter gut zu bleiben. Auf Freiburg brannte die Sonne heute reichlich unbarmherzig nieder, mein Bruder meinte, jetzt würde sich dort langsam der Sommer ankündigen. Der Breisgau ist die heißeste Region Deutschlands; das durfte ich vor zwei Jahren im Sommer einmal erfahren, als mein Bruder noch in seiner alten Wohnung wohnte. In der wurde es am Tag trotz laufender Klimaanlage ca. 60° heiß. An einem Tag war es so unerträglich, dass wir einfach den Tag in einem klimatisierten Einkaufszentrum verbracht haben. Ich habe in meinem Leben zumindest noch nie in so kurzer Zeit so viele Milkshakes vernichtet.
Wir fahren nach Norden, es wird dort nicht ganz so heiß und ich bin froh darum. Ich bin sowieso mehr ein Mann der Kälte.
Kälte ist leichter zu bekämpfen, drinnen ist es kuschelig und das Bier braucht man nur nach draußen zu stellen. So gesehen ist der Sommer auch energieökonomisch die ungünstigere Jahreszeit. Ich habe mir gerade einmal überlegt, dass ich in den nächsten Tagen mal ein Konzept experimentell ausprobieren muss, von dem ich vor längerer Zeit einmal gelesen habe, ein Tontopf, der über die Verdunstungskälte von Wasser in einer Sandschicht darum herum gekühlt wird. Der Sand wird wiederum von einem zweiten Topf an seinem Platz gehalten. Ich habe gelesen, das sei in Afrika der Ersatz für den Kühlschrank, zumindest an Plätzen, wo man Wasser hat.
Ich will mich jetzt einmal davon überzeugen, ob man tatsächlich nur mit Verdunstungskälte alleine einen größeren Tontopf kühl halten kann. Das wäre optimal, dann müsste ich erst einmal nicht mehr Strom bezahlen, ich würde mir einfach einen großen Topf Wasser dauerhaft kalt stellen. Schöne Vorstellung....

Eine Stunde ist noch. Ich habe wieder Dávila gelesen, inzwischen sind die Russinnen verschwunden, was ich sehr begrüße. Ich kann dummes Geschwätz so schlecht haben, erst recht, wenn es auch noch an der Artikulation hapert und dauernd Brocken Russisch beigemengt werden. Ich werde viel schlafen, ich werde gut schlafen, wenn ich erst einmal zuhause bin.
In meinem Abteil, fünf Meter schräg rechts sitzt eine Frau, die wirklich verbittert aussieht. Für ihre Kleidung viel zu überaltert, schätzungsweise fünfzig. Aus irgendeinem dunklen Ehrgeiz hat sie auf jegliche Art von Bh verzichtet, dafür hat sie sich eine von diesen großen Sonnenbrillen gekauft, die jetzt fast jeder trägt. Ich weiß nicht, was ich von solchen Frauen halten soll. SexandtheCity-Schlampe? Verbitterte Geschiedene? Identitätskrise? Karriereabsturz?
Wie erklärt man ein so verbittertes Gesicht? Gut, auf einer Zugfahrt schauen die wenigsten Leute dauernd freundlich, aber wenigstens mal ab und zu, oder?
Sogar ich habe gelächelt, zwar ob der Genialität eines von Dávilas Aphorismen, aber sei's drum!
Ruhig ist es geworden, man hat gerade im Abteil sogar mein Tippen gehört. Beeindruckend, so viel ist klar.
Und schön. Der Zug rollt langsam an, ab und zu ist eine Zeitung zu hören. Wenn so die gesamte Zugfahrt vonstatten ginge, dann könnte ich auch tagelang Zug fahren.
Nur lohnt es jetzt gar nicht mehr so in dem Maße, da meine Laune jetzt eh schon hinüber ist.
Objektiver Schwachsinn, das Wetter ist fantastisch, es ist kühl, es ist ruhig, ich kann schreiben, niemand stört...
Ein kurzes Idyll, da ist der Schaffner, da sind ausgelassene Mittdreißiger, alles dahin. Die verhärmt aussehende Frau packt einen Steven King Band aus und trinkt sich einen Piccolo. Toll, darauf hätte ich natürlich auch kommen können. Verzweifelt: Ja. Alkoholikerin: Ja.
Sehr sympathisch.
Der Akku hat noch 37%, es ist noch fünfzig Minuten. Da kann man mal sehen, wie wenig Zeit inzwischen beim Schreiben vergeht.
Die ersten Absätze brachten die Zeit nur so zum fliegen, die ersten zwei oder drei Stunden müssen ein Klacks gewesen sein.
Ich fahre an Industrieanlagen vorbei, alte, verfallene Gebäude, traurige Überreste einer einstmals blühenden Wirtschaft. Eine Stadt. Selbst die Bürohochhäuser beginnen, Plattenbauten zu ähneln. Dieses Land ist teilweise eine große Maskerade für schreckliche Bilder, die man so gar nicht mitten in der eigenen Heimat erwartet. Sollte man darüber nachdenken? Ja, Nein, Gegen Kohle? Ich nicht, nicht hier, nicht jetzt. Wann anders. Vielleicht, wenn ich diesen Text korrekturlese.

Ich werde den Computer jetzt ausschalten. Mein Kopf ist leer and I'm cool with it. Vielleicht verlege ich mich jetzt darauf, ein bisschen über Ferien nachzudenken. Kurze Gedanken, schnelle Gedanken. Gedanken, die es nicht wert sind, aufgeschrieben zu werden.
Und wenn doch, gibt's ja immer noch das Handy...
9.7.06 12:21


Wie eine Oper zur Nebensache wurde


Im Folgenden will ich eine kleine Episode erzählen, die noch gar nicht so lange her ist.
Es sollte im Zuge der musikalisch-kulturellen Weiterbildung mit dem Musikkurs ein Opernbesuch in Essen stattfinden, Die Hochzeit des Figaro, im Aaltotheater aufgeführt. Ich nahm mir ein bisschen Volk aus meinem Kurs, unter anderem den ennuyanten Knecht Karl, der sich häufig an meine Fersen heftet mit dem scheinbar einzigen Ziel, mich zu Tode zu langweilen - er ist zwar herzensgut und ein passabler Musikus, aber sein Leben kann sich von der Ereignisreiche mit der eines durchschnittlichen Schwarzbrots messen -, und bildete eine Fahrgemeinschaft.
Mein Auto, meine Regeln. Ganz meine Welt also.

Wie es das Schicksal so wollte, stieß ich bei einer Internetrecherche auf die Caspar David Friedrich Ausstellung im Folkwangmuseum Essen.
Nun, wer meine Über mich-Seite halbwegs ausführlich studiert hat - nun gut, es prangt eines seiner besten Bilder darüber -, dem ist aufgefallen, dass ich einausgesprochener Liebhaber von Friedrich bin.
(Und zwar ausdrücklich, sowas muss man heut zutage schon separat betonen, schon sehr lange, auf jeden Fall lange bevor bekannte Zeitungen und Kritiker diesen Künstler wiederentdeckten.)
Die Sache war klar, da musste ich hin. Und es war mir unsagbar gleichgültig, was das Gesindel wollte, dass ich mir in mein Auto geladen hatte.
Ich klärte sie darüber auf, dass wir drei Stunden früher fahren und in eine Friedrich-Ausstellung gehen würden.
Der klügste der drei, der Freiherr von S., ein bescheidener und sehr tiefgründiger Mensch, desses Charakter hauptsächlich durch seinen falschen Umgang leidet und der deswegen und wegen seiner abseitigen Wohnlage keine große Rolle in meinem Leben spielt, erklärte sich sofort dazu bereit; die anderen beiden waren sich noch unschlüsig.

Am Tag der Ankunft teilten diese beiden mir mit, die 7 Euro Eintritt seien ihnen zu viel; beachtenswerterweise hatten sie sich gerade mit Dönerabfall für fast fünf Euro vollgestopft, nur um einmal die Maßstäbe klar werden zu lassen. Man sollte Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen, ich weiss, aber ein solch degoutantes Verhalten ist mir selten vorgekommen. Und man darf mir glauben, dass ich mit allen Mitteln versucht habe, in ihre beschränkten Hirne die kulturelle Bedeutung von Caspar David Friedrich einzuprügeln. Ich habe versagt, ich muss es zugeben, aber ich versäumte nicht, ihnen später bei jeder Gelegenheit ihre Verfehlung aufzutischen.

Nunja, genug von meinem Versagen, kulturelle Faszination zu vermitteln. Springen wir bis zu dem Punkt, als der Freiherr und ich die Ausstellung betreten.
Als aller erstes fällt die schlechte Beschilderung ins Auge;
wo es zur Ausstellung geht, bleibt der Phantasie der Besucher überlassen und auch der direkt neben dem Ausgang liegende Eingang ist nicht als solcher gekennzeichnet.
Ist man aber ersteinmal in der Ausstellung, sind solche Probleme ein wahrlich blasser Schimmer im Hinterkopf.
Sie beginnt mit einem chronologischen Lebenslauf, der eine zehn Meter lange Wand einnimmt und gut im Stil einer Zeitleiste visualisiert ist; danach folgt man einem direkten Weg, der einen an Ölgemälden, Sepias und Zeichnungen, einiger Portraits von Friedrich, teilweise von ihm selbst, teilweise von Malerfreunden wie von Kügelgen, sowie einer Büste seines Kopfes - wenn ich mich richtig erinnere von Kersting - vorbeiführt. Es existieren vergleichsweise viele Zeichnungen und Skizzen von Friedrich, da er erst 1807 mit der Ölmalerei anfängt, einige sehr aussagekräftig, andere teilweise Objektstudien.
Zweifelsfrei sind Friedrichs Ölbilder die Krone seiner Schöpfung und das Folkwangmuseum hat fast alle Wichtigen für diese Ausstellung zusammen getragen:
Sehr bekannte Bilder wie die Kreidefelsen, Lebensstufen, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, Mönch am Meer, Der einsame Baum, Das Kreuz im Gebirge, um das seinerzeit ein großer Kritikerstreit entbrannte, und Der Wanderer über dem Nebelmeer stehen neben weniger bekannten aber ebenfalls sehr grandiosen Werken wie z.B. Dämmerung, Arcona bei Mondlicht oder Seestück im Mondschein.
Selbstverständlich reicht der Platz nicht, um alle Bilder aufzuzählen - ich muss zugeben, dass ich mich auch nicht mehr an jedes einzelne erinnere -, aber die einzigen beiden, die ich wirklich vermisst habe, sind das famose Bild Abend, sowie Zerfallene Mauer.
Abgesehen von den störenden Führungen, die im Prinzip omnipräsent sind, ist diese Ausstellung damit extrem empfehlenswert.
Was für ein Gefühl es ist, vor dem Wanderer über dem Nebelmeer zu stehen! Eine Mischung aus allesumfassender Einsamkeit und unbändiger Freiheit. Einfach nur beeindruckend.

Abschließend kann man sagen, dass diese Ausstellung ein echtes Erlebnis ist. Man sollte sich allerdings vorher ein bisschen mit dem Maler beschäftigen, dann versteht man wesendlich mehr und ist gleich doppelt beeindruckt.
Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie sehr bei einem derart grandiosen Erlebnis die Oper in den Hintergrund rückte?
17.6.06 17:43


Die Reise zum Mittelpunkt der Welt


Das Wochenende ist ereignisreich gewesen, soviel steht fest.
Es begann Freitag mit dem Geburtstag einer Freundin; ich lasse sie ersteinmal unbenannt, aber so, wie sich die Dinge entwickeln, werde ich wohl bald einen Namen für sie erdenken müssen.
Wir fanden uns in der Periphärie der Stadt ein, auf einer Wiese in einem Neubaugebiet. Wie französische Gärten, die Natur widersinnig in genaue Bahnen gepfercht, alles wohl durchdacht, alles von dem Geist des Vorstadt-Familientraums beseelt; der Drang nach Individualität erbricht sich in Reihenhäusern, die alle nach dem selben individualistischen Stil gebaut sind, eines das genaue Abbild des anderen und sie alle gemeinsam die Perversion ihrer Idee.
Es ist die Ausgeburt der Superbia dieser Menschen, es ist die Todsünde Hochmut; sie ist ein langsames Gift, ja fast wie schwerer Wein, sie verschafft einen dümmlichen Rausch von Befriedigung, bevor sie tötet. Und viele sterben an anderem, bevor sie daran zu Grunde gehen.
Ja, es ist wie lieblicher, schwerer Wein...

Die Feier war alles in allem leichte Unterhaltung und ich setzte mich mit dem Marquis de F. ab, als sich die Gesellschaft um die zweite Stunde auflöste und das ordinäre Volk in seine Ritzen zurück kroch.
Wir begaben uns zu meinem Haus und setzten uns ins Séparée, wo wir den letzten Abend, der uns für die nächsten sechs Wochen ob einer Studienreise des Marquis in das Land, wo Fish&Chips blühen, blieb, unter Rauschmittelkonsum ausklingen ließen.

Zweite Station war dann gestern die Reise zu meiner Tante, die ihren fünfzigsten Geburtstag begießen wollte.
Die Ankunft war mit der wiederholten Erkenntnis verbunden, dass meine Verwandten langweilig sind und meine Tante so derartig egozentrisch, dass sie sich für den Mittelpunkt der Welt halten muss. Mir selbst sind Arroganz und Egozentrik keine Fremdwörter, aber ich habe noch nie einen in der Form so vollendeten Narziss gesehen.
Jeder lässt seinen kleinen Kosmos irgendwie um sich rotieren, aber diese Erfahrung war die Reise zum definitiv fixesten Mittelpunkt einer Welt, den es gibt.
Diese Frau hat Selbstkritik lange überwunden.
Ich fand die Feier fürchterlich; ein ewiger Gratwandel zwischen Egomanen und Langweilern. Einige schafften es sogar, beide Charakterzüge in sich zu vereinen. Glückwunsch von der Direktion.
Als logische Konsequenz aus dem personellen Aufgebot suchte ich mir einen kuscheligen Liegestuhl, weihte ihn zu meinem Thron und ließ mich darauf nieder. Ich nahm mir Rumo und die Wunder im Dunkeln von Moers zur Hand und entzog meinen Geist diesem Gesindel.

Womit ich es bis zu dem Buch geschafft habe, was den krönenden Abschluss meines Wochenendes beschlossen hat.
Walter Moers hat einmal mehr ganze Arbeit geleistet, als er zuerst "Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär" und kurz darauf "Rumo und die Wunder im Dunkeln" geschrieben hat.
Diese Bücher sind wirklich nicht für Kinderhände geschrieben - vor allem in letzterem geht es heftig zu -, es ist absolute Erwachsenenliteratur. Die Bücher stecken voller Anspielungen, sei es ein kleiner Wink, der vom Lügengladiator Nussram Fhakir zu Casanovas Flucht aus den Bleikammern deutet oder folgendes Bild:
Bild aus dem Buch
Ich bin einmal so frei und stelle das Original für alle, die es noch nicht erkannt haben, daneben:
Die Vorlage
Und das darf man ruhig als völlig willkürlich heraus gegriffene Exempel betrachten, diese Bücher sind zum Bersten mit solch subtilen Querverweisen gefüllt. Desweiteren ist Moers' Stil einfach genial, das Buch besitzt einen unglaublichen Suchtfaktor.
Jeder, der diese Empfehlung liest, sollte morgen schnell diese Bücher besorgen.

Damit sind wir dann an dem Punkt angelangt, an welchem ich diesen Eintrag abschließen möchte:
Die Besuchszahlen.
Heute null, gestern null. Es ist wirklich nicht schön.
Aber um es mit Dr. Calzo zu sagen:
"Life doesn't come easy. Get used to it."
Einige Menschen haben fast immer Recht.
Warum gehört Zach Braff eigentlich dazu?
11.6.06 23:07


Aphorismen & Gedankenfragemente


Mein Kummer ist nicht zu beschreiben mit den Worten eines Unschuldigen, zu sündig ist die Sehnsucht.
Nur jener, der weiss, welchen armen Schmerz Entbehren und Entsagen des Ersehnten kostet, kann ahnen, wie grausam das Sehnen ist, wenn ich nicht weiss, wonach.


Keine Norm sollte sich zum Wert erheben; kein Wert sollte generell sein; Wert ist stets persönlich.


Der Zwang ist die Perversion der Möglichkeit.


Erst die Frage schätzt einer Sache Wert zu.


Wo der Geist Wort wird, dämmert der erkennenden Natur am einfachsten die Schranke der Existenz; warum sonst sind nur so Wenige auszusprechen ist der Lage, was ein jeder denkt?


Die Erfassung von Unendlichkeit findet sich so leicht im Schmerz.


...und ich blicke zu den Sternen, lauschend der Ruhe um mich und denke: Wieso kann ich nicht so schweigen?...

8.6.06 17:02


Wie weit geht Prägung?


Eine Frage, die mich schon lange Zeit beschäftigt, ist die, welchen Einfluss Prägung auf den späteren Menschen hat; im speziellen auf jene Prozesse, die eigentlich der Ratio unterliegen sollten.

Um es konkret zu beschreiben:
Der Marquis de F. und ich sind uns in der Sache zumeist einig, alleinig eine rudimentäre Divergenz trennt uns, unser Glaube.
Während ich Agnostiker bin, so ist er Gottgläubig, doch weniger als Christ, sondern mehr nach Dávila:
"An Gott zu glauben, heisst nicht an Gott zu glauben, sondern nicht nicht an Gott glauben zu können." (1)
Dennoch beschreibt er, was ich auch von vielen anderen Menschen nach einer gewissen Zeit der Unterhaltung erfahren habe, dass seine Sicherheit, Gott existiere, als Gefühl.
Zusätzlich behauptet er, dieser Glauben sei familiär verankert, er resultiere aus Prägung.

Die These, die ich dagegen stelle, ist jene, dass die Konstatierung und Akzeptation seines eigenen Glaubens ein Prozess ist, der vor dem persönlichen Gewissen von der eigenen Ratio entschieden wird.

Prägung bezeichnet die Formung einer Charaktreigenschaft in den früheren Lebensjahren durch seinen Umgang im Rahmen seiner genetischen Vorgaben.
Tatsächlich ist es zu beobachten, dass die Kinder von Religionsfanatikern durch die frühe Indoktrination ebenfalls fast alle stark gläubig werden.
Doch wie kann das zustande kommen? Wie kann ein bewusster Prozess durch die Präjustiz des Charakters, der ihn durchführt, derart verbogen werden?
Dass eine Diskussion über den persönlichen Glauben von Vorneherein fruchtlos ist, ist nur mehr als natürlich; hier kann mit gutem Gewissen die Grundlage Schopenhauers Eristischer Dialektik als gegeben angenommen werden. Doch diese Probleme stellen sich ob der Austragung vor seiner selbst gar nicht.

Offensichtlich scheint das im kindesalter implementierte und damit zur Zeit der Selbstreflexion schon vertraute Gefühl des Gottglaubens, ein Gefühl von Halt im Leben, ein Gefühl, den Tod nicht mehr fürchten zu müssen, den Träger in eine gewisse Abhängigkeit zu nehmen: Gefühle von Beruhigung und Glück machen süchtig.
Und bis der "Gefühlsträger" alt genug ist, um sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sein Gottglauben begründet ist, ist diese bereits entschieden, da er nicht mehr in der Lage ist, ohne diese Quelle der Hoffnung in sich zu leben; er negiert einfachste Evidenzen, verschließt sich jeder Argumentation, um sein Gefühl zu behalten.
Nietzsche hat es erkannt, Religion ist das Opium des Volkes und dem Süchtigen geht die kritische Selbstbetrachtung verloren.

Wir sind und bleiben Opfer unserer Triebe.
Wie schwach der Verstand doch ist...

___________________________________________________________________
(1): Dávila, Nicolás Gómez: Auf verlorenem Posten
Wien: Karolinger, 1992
6.6.06 16:05


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